Die offensichtlichen Gefahren kennt jeder: die ungesicherte Maschine, die fehlende Absturzsicherung, der falsch gelagerte Gefahrstoff. Für diese Risiken gibt es klare Vorschriften, Checklisten und Schutzvorrichtungen. Aber was ist mit den Gefahren, die niemand sieht — weil sie unter der Oberfläche des Arbeitsalltags liegen? Wer sich systematisch mit solchen Risiken auseinandersetzen will, findet den kompletten Leitfaden zur ASA-Fachperson-Pflicht als weiterführenden Einstieg.
Genau darum geht es im EKAS-Jahresthema 2026/27: «Verdeckten Gefahren auf der Spur». Es richtet den Blick auf Risiken, die durch Routine, Zeitdruck, organisatorische Schwächen oder technische Veränderungen übersehen werden. In diesem Beitrag zeige ich fünf konkrete Beispiele aus meiner Beratungspraxis — und was Betriebe dagegen tun können.
1. Die Stolperfalle, die es «schon immer» gibt
Stolper- und Sturzunfälle zählen zu den häufigsten Unfallursachen in der Schweiz. Betroffen sind meist nicht offensichtlich gefährliche Stellen, sondern altbekannte Gefahrenstellen wie ein quer liegendes Kabel, eine erhöhte Schwelle oder ein Schlauch, denen Mitarbeitende automatisch ausweichen — bis ein neuer Mitarbeitender oder Besucher darüber stolpert.
Das Problem
Ein Kabel, das quer durch den Gang liegt. Eine Schwelle zwischen zwei Räumen, die etwas zu hoch ist. Ein Schlauch, der nach dem Reinigen nie ganz weggeräumt wird. Jeder im Betrieb kennt diese Stelle — und weicht ihr automatisch aus. Bis ein neuer Mitarbeitender, ein Besucher oder jemand in Eile darüber stolpert.
Stolper- und Sturzunfälle gehören zu den häufigsten Unfallursachen in der Schweiz. Und die meisten passieren nicht an offensichtlich gefährlichen Stellen, sondern an Orten, die alle kennen, aber niemand mehr wahrnimmt.
→ Was hilft: Regelmässige Begehungen mit frischem Blick — idealerweise durch jemanden, der den Betrieb nicht täglich sieht. Neue Mitarbeitende fragen: «Was ist euch in der ersten Woche aufgefallen?»
2. Ergonomische Belastungen am Bildschirmarbeitsplatz
ArGV3 Art. 23 und 24 regeln die Anforderungen an Bildschirmarbeitsplätze explizit, etwa Monitorhöhe, Stuhleinstellung und Beleuchtung. Trotzdem wird die Ergonomie im Büro bei Kontrollen regelmässig beanstandet, weil sie nach der Ersteinrichtung nie überprüft wird — mit der Folge schleichender Rückenschmerzen, Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, Augenprobleme und steigender Absenzen.
Das Problem
Der Monitor steht zu tief, der Stuhl ist seit fünf Jahren nicht eingestellt worden, die Beleuchtung spiegelt im Bildschirm. Niemand beschwert sich, weil es «ja nur ein Büro ist» und nicht eine Baustelle. Aber nach Monaten und Jahren entstehen Rückenschmerzen, Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, Augenprobleme — und schleichend höhere Absenzen.
ArGV3 Art. 23 und 24 regeln die Anforderungen an Bildschirmarbeitsplätze explizit. Trotzdem wird die Ergonomie im Büro bei Kontrollen regelmässig beanstandet — weil sie nach der Ersteinrichtung nie überprüft wurde.
→ Was hilft: Bildschirmarbeitsplätze mindestens einmal pro Jahr systematisch prüfen. Die SUVA bietet dafür eine spezifische Checkliste an. Und: Mitarbeitende ermutigen, Beschwerden früh zu melden.
3. Psychische Belastung, die niemand anspricht
Psychische Belastungen wie chronischer Zeitdruck, fehlende Wertschätzung oder belastende Schichtpläne gelten als Nummer eins unter den verdeckten Gefahren, obwohl sie in keiner klassischen Checkliste auftauchen. Sie entwickeln sich schleichend, werden lange kompensiert und brechen dann als Langzeitabsenz durch — im Durchschnitt über sieben Monate.
Das Problem
Chronischer Zeitdruck. Ein Vorgesetzter, der nie lobt, aber jeden Fehler bemerkt. Ein Teammitglied, das seit Monaten auffällig still ist. Schichtpläne, die keine echte Erholung erlauben. All das sind Gefährdungen — aber sie tauchen in keiner klassischen Checkliste auf.
Psychische Belastungen sind die Nummer eins unter den verdeckten Gefahren. Sie entwickeln sich schleichend, werden lange kompensiert und brechen dann plötzlich als Langzeitabsenz durch — im Durchschnitt über sieben Monate.
→ Was hilft: Psychische Belastungen als Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung erfassen. Regelmässig und systematisch, nicht nur «bei Gelegenheit». Und: eine Kultur schaffen, in der Probleme angesprochen werden dürfen.
4. Schleichend veraltete Sicherheitsmassnahmen
Sicherheitsmassnahmen veralten nicht schlagartig, sondern erodieren langsam: eine neue Maschine, ein Umbau oder neue Mitarbeitende ohne Schulung wirken einzeln harmlos, in der Summe entsteht ein System, das nur noch auf dem Papier funktioniert. Jede betriebliche Veränderung sollte deshalb eine Überprüfung auslösen — Gefährdungsbeurteilung, Sicherheitsunterweisung oder Fluchtwegeplan.
Das Problem
Das Sicherheitskonzept wurde vor vier Jahren erstellt. Seitdem gibt es zwei neue Maschinen, eine umgebaute Werkstatt und drei neue Mitarbeitende, die nie geschult wurden. Der Notfallplan hängt noch aus, aber die Telefonnummer des Ersthelfers stimmt nicht mehr. Der Feuerlöscher wurde geprüft, aber der Fluchtweg ist durch ein neues Regal halb versperrt.
Sicherheitsmassnahmen veralten nicht schlagartig — sie erodieren langsam. Jede einzelne kleine Veränderung scheint harmlos. In der Summe entsteht ein System, das auf dem Papier noch funktioniert, in der Realität aber nicht mehr.
→ Was hilft: Jede betriebliche Veränderung löst eine Überprüfung aus. Neue Maschine? Gefährdungsbeurteilung aktualisieren. Neuer Mitarbeitender? Sicherheitsunterweisung durchführen. Umbau? Fluchtwegeplan prüfen. Das muss kein grosser Aufwand sein — aber es muss passieren.
5. Digitale Überlastung und ständige Erreichbarkeit
Ständige Erreichbarkeit über Teams-Nachrichten am Abend oder E-Mails am Wochenende lässt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen und gilt für viele Mitarbeitende als grösster, kaum besprochener Stressfaktor. Das Arbeitsgesetz schreibt klare Ruhezeiten vor, doch die digitale Realität hat diese Praxis in vielen Betrieben längst überholt.
Das Problem
Teams-Nachrichten um 22 Uhr. E-Mails am Sonntag. Benachrichtigungen auf drei Geräten gleichzeitig. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt — nicht weil es Vorschrift ist, sondern weil es «dazugehört». Für viele Mitarbeitende ist das der grösste Stressfaktor, über den aber kaum gesprochen wird.
Das Arbeitsgesetz schreibt klare Ruhezeiten vor. Aber die digitale Realität hat die Praxis überholt — und die meisten Betriebe haben darauf noch keine Antwort gefunden.
→ Was hilft: Klare Regeln zur Erreichbarkeit festlegen und kommunizieren. Führungskräfte müssen mit gutem Beispiel vorangehen — wer abends E-Mails schickt, erzeugt Druck, auch wenn das nicht beabsichtigt ist. Einfache Massnahme: verzögertes Senden aktivieren, damit Nachrichten erst morgens ankommen.
Warum Betriebsblindheit das eigentliche Problem ist
Die fünf Beispiele sind alltägliche Situationen, die in fast jedem Betrieb vorkommen, aber so vertraut geworden sind, dass sie nicht mehr als Gefahr wahrgenommen werden — in der Sicherheitsforschung als «Normalisierung von Abweichungen» bezeichnet. Ein unsicherer Zustand wird so zur neuen Normalität, bis etwas passiert. Der wirksamste Schutz ist ein systematischer Blick von aussen.
Was alle fünf Beispiele gemeinsam haben: Es sind keine exotischen Sonderfälle. Es sind alltägliche Situationen, die in fast jedem Betrieb existieren. Das Problem ist nicht, dass niemand sie kennt — sondern dass sie so vertraut geworden sind, dass sie nicht mehr als Gefahr wahrgenommen werden.
In der Sicherheitsforschung nennt man das Normalisierung von Abweichungen: Wenn ein unsicherer Zustand lange genug andauert, ohne dass etwas passiert, wird er zur neuen Normalität. Bis etwas passiert.
Der wirksamste Schutz gegen Betriebsblindheit ist ein systematischer, regelmässiger Blick von aussen — sei es durch einen neuen Mitarbeitenden, der ermutigt wird, Beobachtungen zu teilen, oder durch einen externen Spezialisten, der den Betrieb mit frischen Augen sieht.
Drei Fragen, die verdeckte Gefahren aufdecken
Drei Fragen helfen, verdeckte Gefahren aufzudecken: Was haben wir uns angewöhnt zu ignorieren? Was würde ein Fremder in den ersten fünf Minuten im Betrieb auffallen? Und was hat sich in den letzten zwölf Monaten verändert, ohne dass die Sicherheit entsprechend angepasst wurde? Veränderungen sind der häufigste Auslöser neuer Gefährdungen.
Stellen Sie sich und Ihren Mitarbeitenden diese drei Fragen — sie sind erstaunlich wirksam:
- «Was haben wir uns angewöhnt zu ignorieren?» — Jeder Betrieb hat Zustände, die alle kennen und keiner anspricht. Diese Frage macht sie sichtbar.
- «Was würde ein Fremder in den ersten 5 Minuten auffallen?» — Betriebsblindheit lässt sich am besten durch einen Perspektivenwechsel durchbrechen.
- «Was hat sich in den letzten 12 Monaten verändert — und haben wir die Sicherheit angepasst?» — Veränderungen sind der häufigste Auslöser für neue, unerkannte Gefährdungen.
Verdeckte Gefahren in Ihrem Betrieb aufdecken?
Ein frischer Blick von aussen sieht, was intern unsichtbar geworden ist. Ich komme gerne für eine Begehung in Ihren Betrieb — unverbindlich und im Rahmen eines kostenlosen Erstgesprächs.
Erstberatung anfragen →Fazit
Die grössten Gefahren im Betrieb sind nicht immer die offensichtlichsten. Das Kabel auf dem Boden, der nie eingestellte Stuhl, der Zeitdruck, der chronisch geworden ist, das Sicherheitskonzept, das leise veraltet — all das sind verdeckte Gefahren, die sich über die Zeit ansammeln und irgendwann zu realen Problemen werden.
Das EKAS-Jahresthema 2026/27 rückt genau diese Risiken ins Bewusstsein. Die gute Nachricht: Verdeckte Gefahren aufzudecken braucht keine teuren Investitionen. Es braucht vor allem eines — die Bereitschaft, genau hinzuschauen.