Zukunft & Technologie

KI in der Arbeitssicherheit — Hype oder echte Hilfe für Schweizer KMU?

Von Pascal Kurz · Oktober 2026 · 7 Min. Lesezeit

Künstliche Intelligenz verändert fast jede Branche — und die Arbeitssicherheit ist keine Ausnahme. Von bilderkennenden Kameras, die unsicheres Verhalten auf Baustellen erkennen, bis zu KI-gestützten Auswertungen von Unfalldaten: Die Möglichkeiten klingen vielversprechend. Aber was davon funktioniert schon heute — und was ist für ein Schweizer KMU realistisch?

In diesem Beitrag gebe ich eine ehrliche Einschätzung: Was kann KI in der Arbeitssicherheit bereits leisten, wo sind die Grenzen und was bedeutet das für Ihren Betrieb?

Was KI heute schon kann

Videobasierte Gefahrenerkennung

Heute verfügbar

KI-Systeme können Kameraaufnahmen in Echtzeit analysieren und unsichere Situationen erkennen: fehlende PSA (Helm, Weste, Schutzbrille), Betreten von Gefahrenzonen, unsichere Körperhaltungen beim Heben. Bereits im Einsatz auf grossen Baustellen und in der Logistik.

Für KMU: Die Technologie existiert, ist aber noch teuer und vor allem für grössere Betriebe mit Kamerainfrastruktur interessant. Für ein KMU mit 20 Mitarbeitenden in der Regel noch kein Thema.

Digitale Checklisten und HSEQ-Software

Heute verfügbar

Softwarelösungen für das Sicherheitsmanagement digitalisieren Checklisten, Massnahmenpläne, Schulungsnachweise und Audits. Einige integrieren KI-Funktionen: automatische Erinnerungen, Trendanalysen aus Unfalldaten, intelligente Vorschläge für Massnahmen basierend auf ähnlichen Betrieben.

Für KMU: Sinnvoll ab einer gewissen Betriebsgrösse (ab ca. 30–50 MA). Für kleinere Betriebe reicht oft ein gut gepflegtes Excel oder eine strukturierte Ablage. Der Aufwand für Einführung und Pflege einer Software muss zum Nutzen passen.

KI-gestützte Auswertung von Unfall- und Absenzdaten

Heute verfügbar

Versicherungen und grosse Betriebe nutzen KI, um Muster in Unfall- und Absenzdaten zu erkennen: Welche Abteilungen haben auffällig hohe Ausfälle? Gibt es saisonale Muster? Welche Gefährdungsarten führen zu den schwersten Unfällen? Diese Erkenntnisse fliessen in die Prävention ein.

Für KMU: Ihre eigene Datenbasis ist vermutlich zu klein für aussagekräftige KI-Analysen. Aber: Die Erkenntnisse, die Versicherer und Branchenorganisationen aus grossen Datensätzen gewinnen, kommen über Branchenlösungen und SUVA-Empfehlungen auch zu Ihnen.

Was bald kommen wird

KI-Assistenten für Gefährdungsbeurteilungen

In Entwicklung

KI-Tools, die bei der Gefährdungsbeurteilung unterstützen: Sie beschreiben Ihren Betrieb und Ihre Tätigkeiten, und die KI schlägt relevante Gefährdungen, Methoden und Massnahmen vor — basierend auf Branchenwissen und Vorschriften. Erste Prototypen existieren bereits.

Für KMU: Das hat Potenzial — besonders als Vorarbeit, die ein Spezialist dann überprüft und ergänzt. Ein KI-Entwurf ersetzt keine fachkundige Beurteilung, kann sie aber effizienter machen.

Wearables und Sensorik

In Entwicklung

Smartwatches, Sensoren in der Kleidung oder im Helm, die in Echtzeit Körperhaltung, Herzfrequenz, Umgebungstemperatur oder Gaskonzentrationen messen und bei Grenzwertüberschreitungen warnen. In Hochrisikobranchen (Bergbau, Chemie) bereits im Pilotbetrieb.

Für KMU: Noch Zukunftsmusik für die meisten Betriebe. Aber interessant für Branchen mit spezifischen Gefährdungen — z.B. Alleinarbeit, Hitzearbeit, Gefahrstoffexposition.

Predictive Safety — Unfälle vorhersagen

Zukunft

Die Vision: KI analysiert Daten aus Beinahe-Unfällen, Umgebungssensoren, Arbeitszeiten und Wetterdaten und sagt vorher, wann und wo ein Unfall wahrscheinlich wird. Theoretisch möglich, in der Praxis noch weit von einer zuverlässigen Anwendung entfernt.

Für KMU: Realistisch frühestens in 5–10 Jahren, und dann vermutlich über Plattformen, die für KMU zugänglich gemacht werden.

Wo KI ihre Grenzen hat

Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten — es gibt Bereiche, in denen KI die menschliche Expertise auf absehbare Zeit nicht ersetzen kann:

Meine Einschätzung: KI wird die Arbeitssicherheit in den nächsten Jahren spürbar verbessern — vor allem durch effizientere Dokumentation, bessere Datenauswertung und intelligente Assistenzsysteme. Aber für KMU bleibt der Grundsatz: Erst die Basics richtig machen (10 Elemente, Gefährdungsbeurteilung, Dokumentation), dann digitalisieren. KI auf ein fehlendes Sicherheitssystem zu legen, bringt nichts.

Was Sie als KMU heute schon tun können

Arbeitssicherheit modernisieren — mit und ohne KI

Ich berate KMU in der Ostschweiz zu effizienten Sicherheitssystemen — von der Digitalisierung der Dokumentation bis zum Einsatz neuer Hilfsmittel. Praxisnah und auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten.

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Fazit

KI in der Arbeitssicherheit ist weder reiner Hype noch sofortige Revolution. Es gibt bereits heute sinnvolle Anwendungen — vor allem in der Datenauswertung, der digitalen Dokumentation und der videobasierten Gefahrenerkennung. Für KMU gilt: Die Basics müssen stimmen, bevor Technologie ins Spiel kommt. Ein Sicherheitssystem, das auf dem Papier nicht funktioniert, wird durch KI nicht besser.

Gleichzeitig lohnt es sich, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen. KI-Assistenten für Gefährdungsbeurteilungen, intelligente Checklisten und Predictive Safety werden die Arbeitssicherheit in den nächsten Jahren merklich verändern. Wer dann ein solides Fundament hat, wird am meisten profitieren.

PK

Pascal Kurz

Sicherheitsingenieur & ASGS-Spezialist mit eidg. Fachausweis. Berät Unternehmen im Kanton St. Gallen und der Ostschweiz zu Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und ISO-Zertifizierung.