Wenn Ihr Betrieb unter die Beizugspflicht der EKAS-Richtlinie 6508 fällt, stehen Sie vor einer grundlegenden Entscheidung: Schliessen Sie sich einer Branchenlösung an — oder bauen Sie ein individuelles Sicherheitssystem auf? Beide Wege sind zulässig, aber sie unterscheiden sich erheblich in Aufwand, Kosten und Passgenauigkeit. Einen ersten Einstieg ins Thema bietet die Übersichtsseite zur ASA-Fachperson-Pflicht.
In diesem Beitrag erkläre ich, was hinter beiden Varianten steckt, für wen welche Lösung Sinn macht und wo die jeweiligen Grenzen liegen.
Was ist eine Branchenlösung?
Eine Branchenlösung ist ein von den Sozialpartnern einer Branche entwickeltes und von der EKAS anerkanntes überbetriebliches ASA-System, das Betrieben Handbücher, Checklisten, Schulungen, Zugang zu Spezialisten und regelmässige Audits bereitstellt. Die jährlichen Mitgliedsbeiträge liegen je nach Betriebsgrösse und Branche typischerweise zwischen CHF 200 und CHF 800.
Eine Branchenlösung ist ein überbetriebliches ASA-System, das von den Sozialpartnern einer Branche entwickelt und von der EKAS anerkannt wird. Sie stellt den angeschlossenen Betrieben standardisierte Hilfsmittel zur Verfügung:
- Ein Handbuch mit branchenspezifischen Richtlinien
- Checklisten zur Gefährdungsermittlung
- Schulungsangebote für Sicherheitsbeauftragte (KOPAS/SIBE)
- Zugang zu ASA-Spezialisten (Arbeitsärzte, Sicherheitsfachleute)
- Regelmässige Audits durch die Trägerschaft
In der Schweiz gibt es zahlreiche Branchenlösungen — von der Gastronomie über den Detailhandel bis zum Gesundheitswesen. Die jährlichen Kosten bewegen sich typischerweise zwischen CHF 200 und CHF 800, abhängig von Betriebsgrösse und Branche.
Was ist eine individuelle ASA-Lösung?
Bei einer individuellen ASA-Lösung baut der Betrieb ein eigenes, auf seine spezifischen Verhältnisse zugeschnittenes Sicherheitssystem auf, das alle 10 Elemente der EKAS-Richtlinie 6508 umfasst und den Beizug interner oder externer Spezialisten voraussetzt. Sie ist aufwändiger in der Erstellung, dafür exakt auf Gefährdungen, Prozesse und Organisationsstruktur des Betriebs abgestimmt.
Bei einer individuellen Lösung baut Ihr Betrieb ein eigenes Sicherheitssystem auf — massgeschneidert auf Ihre spezifischen Verhältnisse. Das setzt den Beizug von internen oder externen Spezialisten der Arbeitssicherheit voraus. Das System umfasst alle 10 Elemente der EKAS-Richtlinie 6508, wird aber individuell auf Ihren Betrieb zugeschnitten.
Eine individuelle Lösung ist aufwändiger in der Erstellung, aber dafür exakt auf Ihre Gefährdungen, Prozesse und Organisationsstruktur abgestimmt.
Der Vergleich im Überblick
Im direkten Vergleich zeigen sich deutliche Unterschiede: Eine Branchenlösung kostet CHF 200 bis 800 pro Jahr mit standardisierten, aber begrenzten Leistungen, während eine individuelle Lösung einmalig CHF 3'000 bis 15'000 oder mehr kostet, dafür massgeschneidert ist und unbegrenzten, direkten Zugang zu Spezialisten sowie individuelle Audits bietet.
| Kriterium | Branchenlösung | Individuelle Lösung |
|---|---|---|
| Kosten | CHF 200–800/Jahr (Mitgliedsbeitrag) | Einmalig CHF 3'000–15'000+ je nach Betriebsgrösse, danach laufende Betreuung |
| Passgenauigkeit | Standardisiert für die Branche — deckt die häufigsten Gefährdungen ab | Massgeschneidert auf Ihren spezifischen Betrieb |
| Aufwand intern | Gering — Hilfsmittel werden geliefert | Höher — aktive Mitarbeit bei Erstellung nötig |
| Spezialistenzugang | Über die Trägerschaft organisiert, oft begrenzt (z.B. 2 Std./Jahr) | Direkt und unbegrenzt, nach Bedarf |
| Schulungen | Standardkurse der Branchenlösung | Massgeschneidert auf Ihren Betrieb |
| Audits | Durch die Trägerschaft, standardisiert | Durch externen Spezialisten, individuell |
| Anerkennung | EKAS-anerkannt | Wird bei Kontrolle individuell geprüft |
Vor- und Nachteile im Detail
Die Branchenlösung punktet mit tiefen, planbaren Kosten, sofortiger Einsetzbarkeit und EKAS-Anerkennung, ist aber standardisiert und deckt betriebsspezifische Besonderheiten kaum ab. Die individuelle Lösung ist exakt zugeschnitten und deckt auch komplexe Gefährdungen ab, erfordert dafür eine höhere Anfangsinvestition sowie aktive Mitarbeit der Geschäftsleitung und muss bei Kontrollen individuell bestehen.
Branchenlösung
- + Kostengünstig, planbarer Jahresbeitrag
- + Sofort einsetzbar, wenig Eigenaufwand
- + EKAS-anerkannt — rechtlich auf der sicheren Seite
- + Schulungen und Audits inklusive
- − Standardisiert — deckt betriebsspezifische Besonderheiten nicht ab
- − Begrenzter Zugang zu Spezialisten
- − Risiko der «Abhak-Mentalität» — Checkliste ausgefüllt, aber nicht gelebt
- − Nicht geeignet für komplexe Betriebe mit vielen unterschiedlichen Gefährdungen
Individuelle Lösung
- + Exakt auf Ihren Betrieb zugeschnitten
- + Deckt auch ungewöhnliche oder komplexe Gefährdungen ab
- + Direkter Zugang zu einem Spezialisten, der Ihren Betrieb kennt
- + Höhere Qualität und Praxistauglichkeit
- − Höhere Anfangsinvestition
- − Erfordert aktive Mitarbeit der Geschäftsleitung
- − Muss bei Kontrolle individuell bestehen (keine EKAS-Anerkennung als «System»)
- − Qualität hängt vom gewählten Spezialisten ab
Wann ist eine Branchenlösung die richtige Wahl?
Eine Branchenlösung eignet sich für Betriebe, die typisch für ihre Branche sind, als kleines bis mittleres KMU mit 10 bis 50 Mitarbeitenden überschaubare Gefährdungen haben, wenig interne Ressourcen für ein eigenes System besitzen und eine kostengünstige Grundlösung suchen, sofern für die eigene Branche eine passende Lösung existiert.
Eine Branchenlösung macht Sinn, wenn:
- Ihr Betrieb typisch für die Branche ist — also die gleichen Gefährdungen hat wie die meisten anderen Betriebe in Ihrem Sektor
- Sie ein kleines bis mittleres KMU sind (10–50 Mitarbeitende) mit überschaubaren Gefährdungen
- Sie eine kostengünstige Grundlösung suchen, die die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt
- Sie wenig interne Ressourcen für den Aufbau eines eigenen Systems haben
- Für Ihre Branche eine passende Branchenlösung existiert
Wann ist eine individuelle Lösung besser?
Eine individuelle Lösung lohnt sich für Betriebe, die nicht in eine Standard-Branche passen, besonders komplexe Gefährdungen wie Gefahrstoffe oder Maschinenpark haben, mehrere Standorte betreiben, eine ISO-Zertifizierung anstreben oder mehr als 50 Mitarbeitende beschäftigen und ein professionelles, gelebtes Sicherheitssystem wollen statt minimaler Kosten.
Eine individuelle ASA-Lösung ist sinnvoller, wenn:
- Ihr Betrieb nicht in eine Standard-Branche passt — etwa weil Sie Tätigkeiten aus verschiedenen Branchen kombinieren
- Sie besonders komplexe Gefährdungen haben (z.B. Gefahrstoffe, Maschinenpark, biologische Risiken)
- Sie mehrere Standorte mit unterschiedlichen Gefährdungsprofilen betreiben
- Sie eine ISO 45001 oder ISO 14001 Zertifizierung anstreben — dafür reicht eine Branchenlösung in der Regel nicht
- Sie mehr als 50 Mitarbeitende haben und ein professionelles, gelebtes Sicherheitssystem wollen
- Ihnen Qualität und Praxistauglichkeit wichtiger sind als minimale Kosten
Die Kombination: Branchenlösung als Basis, individuell ergänzt
Betriebe können Mitglied ihrer Branchenlösung bleiben und diese individuell ergänzen, etwa durch eine betriebsspezifische Gefährdungsbeurteilung, einen externen Sicherheitsbeauftragten, massgeschneiderte Schulungen oder eine separate psychische Gefährdungsbeurteilung. So verbinden sie die günstigen, EKAS-anerkannten Vorteile der Branchenlösung mit gezielten Lösungen für die Lücken ihres spezifischen Betriebs.
Eine dritte Variante, die in der Praxis gut funktioniert: Sie bleiben Mitglied Ihrer Branchenlösung und ergänzen sie individuell dort, wo die Standardhilfsmittel nicht ausreichen. Das kann bedeuten:
- Eine betriebsspezifische Gefährdungsbeurteilung erstellen lassen, die über die Branchenchecklisten hinausgeht
- Einen externen Sicherheitsbeauftragten beiziehen für spezielle Fragestellungen
- Massgeschneiderte Schulungen für Ihre Mitarbeitenden durchführen
- Die psychische Gefährdungsbeurteilung separat erstellen, da Branchenlösungen diesen Bereich oft nicht abdecken
So profitieren Sie von den Vorteilen der Branchenlösung (kostengünstig, EKAS-anerkannt) und schliessen gleichzeitig die Lücken, die für Ihren spezifischen Betrieb relevant sind.
Welche Lösung passt zu Ihrem Betrieb?
Ich berate Sie gerne — ob Sie eine Branchenlösung ergänzen, ein individuelles System aufbauen oder vor der Entscheidung stehen. Kostenloses Erstgespräch.
Erstberatung anfragen →Wie finde ich die passende Branchenlösung?
Die EKAS führt ein Verzeichnis aller anerkannten Branchenlösungen; Betriebe sollten prüfen, ob für ihre Branche eine passende Lösung existiert, deren Gefährdungsprofil zum eigenen Betrieb passt, und bei der Trägerschaft den genauen Leistungsumfang erfragen. Existiert keine passende Branchenlösung oder sind die Tätigkeiten branchenübergreifend, ist eine individuelle Lösung naheliegend.
Die EKAS führt ein Verzeichnis aller anerkannten Branchenlösungen. Prüfen Sie, ob für Ihre Branche eine Lösung existiert und ob deren Gefährdungsprofile auf Ihren Betrieb passen. Fragen Sie bei der Trägerschaft nach, welche Hilfsmittel, Schulungen und Spezialistenzugänge im Mitgliedsbeitrag enthalten sind — die Leistungsumfänge unterscheiden sich erheblich.
Falls keine passende Branchenlösung existiert oder wenn Ihre Tätigkeiten branchenübergreifend sind, ist eine individuelle Lösung der naheliegende Weg.
Fazit
Beide Varianten sind gesetzlich zulässig und erfüllen die Anforderungen der EKAS-Richtlinie 6508. Die Branchenlösung ist der effiziente Einstieg für typische KMU — kostengünstig, sofort einsetzbar und mit minimalem Eigenaufwand. Die individuelle Lösung ist die bessere Wahl für Betriebe, die mehr wollen — oder mehr brauchen, weil ihre Gefährdungen über den Branchenstandard hinausgehen.
Am Ende geht es nicht um die günstigste Lösung, sondern um die richtige. Denn ein Sicherheitssystem, das nicht zu Ihrem Betrieb passt, wird nicht gelebt — und ein System, das nicht gelebt wird, schützt niemanden.